Dossier

Wird über Ursachen und Eindämmung der Klimakrise gesprochen, geht es häufig um Kohle, Öl, Gas, Autos oder Flugzeuge – zu selten aber um Lebensmittel, um Tierhaltung, um Fleisch- und Milchprodukte, um unsere Ernährung und das landwirtschaftliche System dahinter. Deren Rolle bleibt in politischen Debatten und medialen Diskursen spürbar unterrepräsentiert und folglich in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt.

Dabei zählt unser Ernährungssystem zu den größten globalen Treibern der Klimakrise. Es ist wesentlich verantwortlich für das Überschreiten von fünf der sieben bereits überschrittenen planetaren Grenzen und verursacht rund ein Drittel aller menschengemachten Treibhausgasemissionen.1, 2 Der Großteil davon entsteht durch die Produktion tierischer Lebensmittel.3

Und während unser Ernährungssystem maßgeblich mitverantwortlich ist für Hitzewellen, Dürren, Brände, Wasserknappheit oder Überschwemmungen, sieht es sich zudem selbst immer stärker von diesen und weiteren Klimafolgen bedroht.

Die pflanzliche Ernährungswende in den Fokus der Klimadebatte zu rücken, ist dringlicher denn je: Sie ist unabdingbar für Klimaschutz und Ernährungssicherheit und eine der wirkungsvollsten Lösungen, um der Klimakrise entgegenzuwirken – innerhalb der Agrar-, Wirtschafts- und Klimapolitik ebenso wie im Privaten bei unseren individuellen Ernährungsentscheidungen.

Tierische Lebensmittel zählen zu den Top-Treibern der Klimakrise

Der Anteil tierischer Lebensmittel an den anthropogenen Treibhausgasemissionen wird unterschiedlich hoch geschätzt. Häufig zitierte Zahlen verorten ihn – je nach methodischem Ansatz – zwischen etwa 12 und 20 Prozent.3, 4

Ungeachtet dieser Spannbreite ist sich die Wissenschaft einig: Tierische Lebensmittel verursachen einen Großteil der globalen Emissionen aus der Landwirtschaft und zählen damit zu den Haupttreibern der Klimakrise.

Bis zu rund einem Fünftel aller menschengemachten Treibhausgasemissionen werden tierischen Lebensmitteln zugerechnet.

Mehr erfahren: Warum unterscheiden sich die Zahlen?

Berechnungsmodelle unterscheiden sich methodisch und sind nicht immer direkt vergleichbar. Entscheidend ist die Systemgrenze, die Studien setzen – also welche Faktoren einberechnet werden. Welche vorgelagerten Prozesse wie Futtermittelproduktion und Landnutzungsänderung sind zum Beispiel berücksichtigt? Finden Faktoren wie Düngemittel oder Gülle Eingang in die Berechnung? Welche nachgelagerten Prozesse spielen eine Rolle, etwa Verarbeitung, Verpackung, Handel oder Konsum?

Auch verschiedene Referenzwerte innerhalb der Forschung beeinflussen das Ergebnis. Beispielsweise setzen unterschiedliche Studien Emissionen aus der Landnutzungsänderung unterschiedlich hoch an. Das Bezugsjahr der Datengrundlage spielt ebenfalls eine Rolle – und die Umrechnungswerte, die zum Zeitpunkt einer Studie standardmäßig galten, um verschiedene Treibhausgase in CO2-Äquivalente zu übersetzen.

Was sind CO2-Äquivalente?

CO2-Äquivalente sorgen als Einheit dafür, dass unterschiedliche Treibhausgase im Hinblick darauf, wie sie das Klima erwärmen, miteinander vergleichbar werden. Um CO2-Äquivalente zu berechnen, multiplizieren Forschende die Emissionen einzelner Gase mit ihrem sogenannten Global Warming Potential, üblicherweise über einen Zeitraum von 100 Jahren (GWP-100).

In der Tierhaltung sind CO2-Äquivalente besonders relevant, weil hier überwiegend andere Gase als CO2 anfallen: nämlich Methan und Lachgas. Bezogen auf die gleiche Menge sind sie um ein Vielfaches klimaschädlicher als CO2, weshalb sie in der Klimabilanz der Tierhaltung besonders ins Gewicht fallen.

Klimabilanzen von Lebensmitteln – was wir essen, macht einen Unterschied

Warum es entscheidend ist, was auf unseren Tellern landet, zeigt ein Blick auf die Klimabilanz einzelner Lebensmittel. In einer der bislang umfassendsten Metaanalysen werteten die beiden Umwelt- und Agrarforscher Joseph Poore und Thomas Nemecek Daten von rund 38.700 landwirtschaftlichen Betrieben in 119 Ländern aus.5 Und fanden so heraus, wo die meisten Treibhausgase entlang der Produktionskette von Lebensmitteln entstehen.

Platzhalter für die Infografik: Treibhausgasemissionen ausgewählter Lebensmittel je Kilogramm, aufgeschlüsselt nach Produktionsstufe.
Platzhalter – hier folgt die Infografik zur Klimabilanz einzelner Lebensmittel (Datenbasis: Poore & Nemecek 2018).

Die Daten zeigen erstens: Tierische Produkte verursachen im Vergleich zu pflanzlichen ein Vielfaches an Emissionen. Während beispielsweise ein Kilogramm Rindfleisch bis zu 60 Kilogramm CO2-Äquivalente verursacht, kommt ein Kilogramm Erbsen auf weniger als 1 Kilogramm, Wurzelgemüse auf 0,4 Kilogramm.

Zweitens: In der Regel machen Landnutzung und Prozesse innerhalb der landwirtschaftlichen Betriebe zusammengenommen den Großteil des ökologischen Fußabdrucks von Lebensmitteln aus.

Welche Rolle spielt die Regionalität von Lebensmitteln?

Nachgelagerte Prozesse wie Verarbeitung, Transport, Verpackung und Handel spielen eine vergleichsweise geringe Rolle bei der Klimabilanz einzelner Lebensmittel. Für das Klima ist also in der Regel nicht entscheidend, ob wir ein Nahrungsmittel regional beziehen oder nicht. Wirklich relevant ist, ob wir zu tierischen oder pflanzlichen Produkten greifen.6

Eine zentrale Erkenntnis der beiden Studienautoren ist, dass Produktionsmethoden die Emissionsbilanz von Lebensmittel zwar beeinflussen können. Doch ein tierisches Produkt mit dem kleinstmöglichen Fußabdruck verursacht in der Regel immer noch mehr Emissionen und verbraucht mehr Land als das pflanzliche Pendant. So ist beispielsweise die am wenigsten nachhaltig produzierte Sojamilch immer noch klimafreundlicher als die am nachhaltigsten produzierte Kuhmilch.

Warum sind tierische Lebensmittel so klimaschädlich?

Um den Einfluss der industriellen Tierhaltung auf die Klimaerwärmung zu messen, sind insbesondere drei Faktoren relevant:

Methan

Gülle und Verdauungsprozesse von Wiederkäuern setzen große Mengen Methan frei. Weltweit gehen rund ein Drittel aller anthropogenen Methanemissionen auf Tierhaltung zurück.7

Mehr erfahren: Methanreduktion kühlt Atmosphäre am schnellsten ab

Die größte Methanquelle innerhalb der Landwirtschaft sind Wiederkäuer. Sie stoßen Methan (CH4) bei der Verdauung aus. Dieser Prozess wird auch als enterische Fermentation bezeichnet. Global gesehen entstehen 32 Prozent aller Methanemissionen, die auf menschlichen Aktivitäten fußen, durch Tierhaltung.7

In der EU sind die Zahlen noch höher: Hier stammen 56 Prozent aller Methanemissionen aus der Agrarwirtschaft. 98 Prozent davon entfallen auf enterische Fermentation und Gülle – und demnach auf die Massentierhaltung.8

Um 1,1 Grad hat sich die Erde seit der vorindustriellen Zeit erwärmt – laut Weltklimarat ist Methan allein für 0,5 Grad verantwortlich.9

Methan trägt also aufgrund seines hohen Treibhauspotenzials massiv zur globalen Erwärmung und zum Klimawandel bei.

Welches Potenzial hat eine Reduktion der Methanemissionen?

Über einen Zeitraum von 20 Jahren wirkt Methan rund 80-mal stärker als CO2.10 Doch im Vergleich zu anderen Gasen ist Methan kurzlebig. Im Durchschnitt baut es sich in der Atmosphäre bereits nach etwa zwölf Jahren ab. Das heißt: Sinkt der Methan-Ausstoß, hat das einen vergleichsweise raschen positiven Effekt.

Wie kein anderes Treibhausgas hat Methan das Potenzial, das Klima schnell und spürbar zu entlasten. Die Umstellung auf ein pflanzliches Ernährungssystem kann einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten.

Ein Dilemma mit Lösung: Das Small Animal Problem

Nicht zuletzt wegen der hohen Methanemissionen wiegt die Massentierhaltung insbesondere von Wiederkäuern wie Rindern zwar besonders schwer in der Klimabilanz von Lebensmitteln. Doch es gibt noch eine weitere Dimension: Wer auf das Fleisch von Hühnern oder Fischen ausweicht, nimmt in Kauf, dass sehr viel mehr Tiere leiden und getötet werden. So sterben für dieselbe Menge Fleisch rund 200-mal so viele Hühner wie Rinder.11 Bei Fischen fällt dieses Verhältnis noch sehr viel größer aus. Wer sich für pflanzliche Lebensmittel entscheidet, verbessert die eigene Klimabilanz immens – und verhindert Tierleid.

Lachgas

Lachgas entsteht vor allem dort, wo viel Stickstoff in Böden gelangt – etwa durch Mineraldünger oder aber durch Gülle und Mist, dem sogenannten Wirtschaftsdünger. Bodenmikroben wandeln diesen Stickstoff um. Dabei kann Lachgas (N2O) freigesetzt werden. Auch bei der Lagerung von Wirtschaftsdünger kann Lachgas entstehen. Die Landwirtschaft ist die größte direkte Lachgasquelle unter den menschengemachten. Ihr Anteil an den anthropogenen Lachgasemissionen wird auf 56 Prozent geschätzt.12

Mehr erfahren: Lachgas in der Tierhaltung
Tierhaltung trägt über Wirtschaftsdünger erheblich zu Lachgasemissionen bei

Eine global angelegte Studie ergibt, dass Lachgas aus Wirtschaftsdünger rund 30 Prozent der weltweit anthropogen verursachten Lachgasemissionen ausmacht.13 Der Anbau von Futtermitteln kann zusätzliche Lachgasemissionen verursachen, wenn dabei Stickstoffdünger – also Gülle – eingesetzt wird.

Lachgas ist aus zwei Gründen besonders klimaschädlich: Es ist über 100 Jahre gerechnet rund 273-mal so klimawirksam wie CO2 und bleibt für etwa 115 Jahre in der Atmosphäre.10 Während Methan die Atmosphäre also stark aufheizt, aber kurzlebig ist, hat Lachgas einen sehr hohen Erderwärmungseffekt und wirkt über einen langen Zeitraum.

Kohlenstoffdioxid

Kohlendioxid entsteht in der Landwirtschaft vor allem dort, wo natürliche Ökosysteme in Agrarflächen umgewandelt werden. 29 Prozent der ernährungsbedingten CO2-Äquivalente geht auf Landnutzungsänderungen zurück.3 Werden Wälder gerodet oder Moore entwässert, um Weide- oder Ackerflächen zu schaffen, wird über lange Zeit gespeicherter Kohlenstoff freigesetzt. Aus Kohlenstoffspeichern werden so Kohlenstoffquellen – mit Folgen für Klima und Biodiversität.

Platzhalter für die Infografik: Treiber der weltweiten Entwaldung, Anteil von Weideland und Ölsaaten.
Platzhalter – hier folgt die Infografik zu den Treibern der weltweiten Entwaldung.
Mehr erfahren: Tierhaltung treibt Entwaldung an

Tierhaltung verursacht Landnutzungsdruck: durch die Ausweitung von Weideflächen und den Anbau von Futtermitteln.

Zwischen 2000 und 2018 war die landwirtschaftliche Flächenausdehnung für fast 90 Prozent der weltweiten Entwaldung verantwortlich – etwa 40 Prozent davon, um neues Weideland für Rinder zu schaffen.14, 15 Das macht Rinderhaltung zum größten Treiber von Entwaldung durch Land- und Forstwirtschaft. In Südamerika gingen im selben Zeitraum sogar 70 Prozent der Entwaldung auf die Ausweitung von Weideflächen zurück.14

Den zweiten Platz im Ranking belegt die Produktion von Ölsaaten – maßgeblich durch den Anbau von Soja und Ölpalmen. Sie verantworten knapp ein Fünftel der weltweiten Waldrodungen.

Soja dient hauptsächlich als Futtermittel

Weltweit werden 77 Prozent der Sojaernte als Tierfutter für die Produktion von Fleisch, Eiern und Milchprodukten verwendet. Nur 7 Prozent werden direkt zu Lebensmitteln aus ganzen Sojabohnen verarbeitet – etwa zu Tofu, Sojamilch, Edamame oder Tempeh.16 Mit mehr als einem Drittel wird der größte Anteil des weltweit angebauten Sojas an Hühner und anderen Vogelarten verfüttert. Ein Fünftel geht an Schweine, 6 Prozent an Fische in Aquakulturen und 2 Prozent wird als Futter für Rinder verwendet.17

Mehr erfahren: Moore sind größte Kohlenstoffspeicher

Moore bedecken nur etwa 3 Prozent der Landfläche der Erde. Dort speichern sie aber rund 30 Prozent des im Boden gebundenen Kohlenstoffs. Das ist doppelt so viel wie die Biomasse aller Wälder zusammen.18 Werden Moore trockengelegt, wird aus einem hocheffektiven Kohlenstoffspeicher eine überproportional große Quelle. Weltweit sind etwa 12 Prozent der Moore entwässert. Mit etwa 0,4 Prozent machen diese geschädigten Ökosysteme nur einen Bruchteil der Landfläche aus. Und dennoch entstehen dort rund 4 Prozent der gesamten menschengemachten Emissionen.18

Moore in Deutschland

In Deutschland sind mehr als 95 Prozent aller Moore entwässert; der Großteil davon (72 Prozent) wird landwirtschaftlich genutzt18 – vor allem für Weideland in der Rinderhaltung. Die Heinrich-Böll-Stiftung vergleicht die Menge an Treibhausgasen, die in Deutschland durch für die Landwirtschaft entwässerte Moore ausgestoßen werden, mit der des gesamten nationalen Luftverkehrs pro Jahr.19

Warum verschlingt Tierhaltung so viel Land?

Die unzähligen Land- und Wassertiere in der weltweiten Intensivtierhaltung müssen gefüttert werden. Allein durch Weideland und Futteranbau sind tierische Lebensmittel unverhältnismäßig ressourcenintensiv. Denn die benötigte Futtermenge ist um ein Vielfaches höher als die Menge des tierischen Produkts, das letztlich für den menschlichen Verzehr bestimmt ist.

So werden für ein Kilogramm Rindfleisch 25 Kilogramm Futter benötigt, bei Schweinefleisch sind es 6,4 Kilogramm, bei Hühnerfleisch 3,3 Kilogramm und bei Eiern 2,3 Kilogramm.

Die Produktion von tierischen Lebensmitteln ist also nicht nur klimaschädlich, sondern zudem äußerst ineffizient: Global gesehen verbrauchen sie mehr als 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche – liefern aber nur 17 Prozent der weltweit konsumierten Kalorien und 38 Prozent der Proteine.20

Platzhalter für die Infografik: Anteil tierischer und pflanzlicher Lebensmittel an Landnutzung, Kalorien- und Proteinversorgung.
Platzhalter – hier folgt die Infografik zu Flächenverbrauch, Kalorien- und Proteinversorgung.

Pflanzliche Lebensmittel sind wesentlich effizienter: Sie tragen bereits jetzt 83 Prozent zur Kalorien- und 62 Prozent zur Proteinversorgung bei. Und beanspruchen dabei weniger als ein Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen.

Platzhalter für die Infografik: Futter-zu-Lebensmittel-Effizienz für Rind, Schwein, Huhn, Milch und Eier.
Platzhalter – hier folgt die Infografik zur Futterverwertung (Kalorien- und Proteinverluste).
Mehr erfahren: Die Ineffizienz tierischer Lebensmittel im Detail

Durch den Umweg übers Tier gehen in unserem Ernährungssystem Unmengen Kalorien und Proteine verloren. Eine Studie stellt für den US-amerikanischen Landwirtschaftssektor fest: Im Durchschnitt kommen nur 7 bis 8 Prozent der Kalorien und Proteine, die ein Tier bis zur Schlachtung zugeführt bekommt, beim Menschen in Form von Fleisch, Milch oder Eiern an.21

Im Detail: Nur 3 bis 13 Prozent der Kalorien, die benötigt werden, um Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch herzustellen, sind in den verzehrbaren Produkten noch verfügbar. Bei Kuhmilch und Eiern sind es 17 Prozent.

Und auch für Proteine gilt: Nur 3 bis 21 Prozent der Proteine, die Tiere bis zur Schlachtung verstoffwechseln, sind am Ende über Fleischprodukten für den Menschen verfügbar. Auch bei anderen tierischen Produkten sind die Verluste unverhältnismäßig hoch: Bei Milch kommen nur 14 Prozent und bei Eiern 31 Prozent der investierten Proteine an.

Eine andere Studie, die neun verschiedene Fischarten aus Aquakulturen einbezieht, findet eine ähnlich hohe Ineffizienz: Nur 19 Prozent des Futterproteins und 10 Prozent der Futterkalorien fließen im Durchschnitt in die menschliche Nahrungsmittelversorgung ein.22

Große Chance: Ökosysteme renaturieren

Klar ist: Ein pflanzliches Ernährungssystem bietet enormes Potenzial, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren und die Lebensmittelproduktion auf weniger Fläche effizient und nachhaltig zu gestalten.

In Sachen Landnutzung ergeben sich dabei noch weitere positive Potenziale: Die Umwandlung von natürlichen Ökosysteme in landwirtschaftliche Flächen setzt Emissionen frei. Werden bestehende Ökosysteme geschützt oder Flächen renaturiert, können Emissionen gebunden werden. Die landwirtschaftliche Tierhaltung verursacht also auch noch sogenannte Opportunitätskosten:

Damit sind Potenziale gemeint, die zugunsten einer bestimmten Entscheidung verlorengehen. Wenn es um die Klimabilanz von Lebensmitteln oder Ernährungssystem geht, rechnen die meisten Studien diese Kosten nicht mit ein. Finden sie Berücksichtigung, fällt die Klimabilanz insbesondere bei tierischen Lebensmitteln nochmals deutlich schlechter aus. Und das positive Potenzial, das wiederum in einem pflanzlichen Ernährungssystem steckt, wird deutlich größer.

Opportunitätskosten am Beispiel Wald

Würden zentrale tierische Produkte – nämlich Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch sowie Kuhmilch – weltweit auch nur zur Hälfte reduziert und stattdessen pflanzliche Alternativen konsumiert, könnte das den Nettoabbau von Wäldern und natürlichen Flächen beinahe vollständig stoppen. Mit einer Wiederbewaldung der so gewonnenen Flächen würden sich die Klimavorteile laut Modell sogar in etwa verdoppeln. Zugleich würden auch Biodiversitätsverluste bis 2050 deutlich gebremst.23

Das Potenzial, das eine komplett pflanzliche Ernährung hat, ist noch deutlich größer. Und hätte weitere Vorteile für eine Zukunft, die sehr viel rosiger aussieht, wenn wir die Massentierhaltung beenden.

Die Ernährungswende ist unverzichtbar – und liefert die besseren Zukunftsszenarien

Globale Studien, Modelle und Metaanalysen kommen also zu dem Schluss: Ein Wandel hin zu pflanzlicheren Essgewohnheiten ist eine der effektivsten Einzelmaßnahmen gegen die Erderwärmung und andere Klimafolgen. Mehr noch:

Selbst wenn wir ab sofort vollständig auf fossile Brennstoffe verzichten: Ohne die Ernährungswende ist das gesteckte Klimaziel von 1,5 Grad nicht erreichbar.24

Übersteigt die Erderwärmung 2 Grad, ist ein Kipppunkt für das Klima erreicht – mit noch drastischeren Folgen wie Extremwetter und Katastrophen. Aktuelle Prognosen des Emission Gap Reports der UN gehen davon aus, dass wir auch diesen Punkt bis zum Ende des Jahrhunderts mit 2,8 Grad überschreiten werden. Selbst dann, wenn sich alle Länder an ihre Klimaschutzpläne halten. Denn das reduziert den prognostizierten Temperaturanstieg nur um maximal ein halbes Grad.25 Mit anderen Worten: Die nationalen Strategien sind mehr als ungenügend. Auch weil sie einen entscheidenden Hebel ausklammern:

Die Emissionseinsparungen, die für die Einhaltung der 2-Grad-Grenze notwendig sind, wären allein mit dem Ausstieg aus der Tierhaltung bereits zu 52 Prozent erreicht.26

Das Einsparpotenzial für Treibhausgasemissionen in unserem Ernährungssystem ist riesig. Setzten wir ausschließlich auf pflanzliche Lebensmittel, würde das die globalen ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen um bis zu 70 Prozent senken27, 28 – in Deutschland um bis zu 81 Prozent.29

Es wird immer dringlicher, diese Chance zu nutzen. Denn die Auswirkungen der Klimakrise stressen den Planeten – und damit unser Ernährungssystem – nicht erst in der Zukunft:

Dr. Paul Behrens, Transformationsforscher an der Oxford Martin School (Oxford Universität) macht deutlich, dass die Klimafolgen unser Ernährungssystem bereits heute verstärkt unter Druck setzen. Und zwar so sehr, dass es zwangsläufig zu einem Wandel kommen wird – sowohl in der Landwirtschaft als auch im Hinblick auf unserer Essgewohnheiten.30

Die entscheidende Frage lautet ihm zufolge: Wird es sich um einen Wandel „by design or by disaster“ handeln? Also um einen Wandel, den wir selbst bewusst gestalten oder einen, der unkontrolliert auf uns hereinbricht?

Was die Fakten noch über eine pflanzliche Zukunft sagen

Ein Umschwung hin zu einer pflanzlichen Ernährung hat nicht nur positive Auswirkungen auf das Klima:

Wir profitieren in puncto Ernährungssicherheit. Denn sobald wir aufhören, tierische Lebensmittel herzustellen, können wir – wie oben ausgeführt – mit sehr viel weniger Ressourcen mehr Nahrungsmittel für mehr Menschen produzieren.

Die Gesundheit vieler Menschen könnte sich verbessern. Eine vollwertige pflanzliche Ernährung kann das Risiko für Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten senken. Damit würden frühzeitige Todesfälle verhindert, Schätzungen zufolge bis zu 8,1 Millionen im Jahr.31, 28

Das Risiko für Antibiotikaresistenzen würde stark zurückgehen – denn ein Großteil der weltweit verwendeten Antibiotika fließt derzeit in die Massentierhaltung.32 Auch die Gefahr von Pandemien, die durch Zoonosen verursacht werden, würde wesentlich reduziert.33

Die Biodiversität würde geschützt: Ökosysteme würden sich erholen und vom Aussterben bedrohte Tierarten fänden wieder einen Lebensraum.23

Unsere Umwelt würde geschont: Gewässer würden weniger verschmutzt und als Ressource geschont34 – auch unsere Luft wäre weniger durch Feinstaub belastet.35

Wir würden eines der größten ethischen Paradoxe unserer Zeit auflösen und Milliarden Tiere von Massentierhaltung und Schlachthäusern verschonen – und Billionen Fische und andere Meerestiere vor dem Tod in Netzen.

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, fasst die vielen Vorteile einer pflanzlicheren Zukunft so zusammen:

„Unsere Ernährungsgewohnheiten können Leben retten, Emissionen drastisch verringern, den Verlust der Biodiversität bremsen und zu mehr Gerechtigkeit beitragen. […] Die Fakten sind eindeutig: Eine Transformation der Ernährungssysteme ist nicht nur möglich, sondern unverzichtbar für eine sichere, gerechte und nachhaltige Zukunft.“2

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Ernährung ins Zentrum der Klimadebatte rücken

Der europäische Sommer 2026 hat eine weniger optimistische Vorschau auf die eben gezeichnete Zukunft gegeben – dafür aber die mediale Aufmerksamkeit wieder vermehrt auf die Klimakrise gelenkt. Hitzewellen, Hitzetote, Dürren, niedrige Grundwasserstände, Ernteausfälle und Engpässe bei Futtermitteln prägten die Schlagzeilen. Die Landwirtschaft war in der Berichterstattung dabei zwar häufig als Opfer, aber nur sehr vereinzelt als Ursache des Problems benannt.

Die Umstellung auf pflanzliche Ernährung und der Ausstieg aus der Massentierhaltung zählen zu den „wichtigsten Puzzleteilen zur Lösung der Klimakrise – und bleiben doch übersehen“.36 Dieser Satz stammt aus einer Literaturanalyse, die globale Lösungsvorschläge aus Peer-Review-Artikeln über eine Zeitspanne von 20 Jahren (2002–2022) zusammenträgt.

Die Rolle unserer Ernährung in der Medienagenda zu stärken, ist dringlicher denn je: Denn von der Politik werden die Lösungsvorschläge von Wissenschaft und Klimaschutzorganisationen nicht umgesetzt.

Dabei gehört die EU zu den sechs Volkswirtschaften, die weltweit für mehr als die Hälfte aller ernährungsbedingten Emissionen verantwortlich sind.37 Zudem lenkt sie 80 Prozent aller landwirtschaftlichen Subventionen in die Massentierhaltung – genau die Industrie, die für 84 Prozent der Treibhausgasemissionen innerhalb europäischer Lebensmittelproduktion verantwortlich ist.38

Auch offizielle Ernährungsempfehlungen stehen kaum im Einklang mit Klimaschutz: Eine Analyse von 85 nationalen Ernährungsleitlinien zeigt, dass die Mehrheit davon (67 bis 87 Prozent) nicht mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens und anderen Umweltzielen vereinbar ist.39 Zudem werden laut einer weiteren Studie weniger wirksame Maßnahmen wie der Konsum regionaler Lebensmittel häufiger betont, während besonders effektive Schritte – wie pflanzlichere Ernährungsweisen – selten klar und ambitioniert empfohlen werden.40

Dabei spricht unser persönlicher ökologischer Fußabdruck Bände, wenn es um individuellen Klimaschutz geht: Ernährung ist für 23 Prozent der Treibhausgas-Emissionen von Privathaushalten innerhalb der EU verantwortlich.41

Trotzdem sind Verbraucher:innen noch zu wenig informiert über ernährungsbedingte Klimafolgen und ihre eigene Handlungsmacht – und unterschätzen diese häufig. Studien zeigen: Selbst wer sich über die Klimawirkung von Lebensmitteln grundsätzlich bewusst ist, unterschätzt in der Regel, wie groß der Unterschied zwischen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln tatsächlich ist.42, 43

Diese Wissenslücke zu schließen und eine pflanzliche Ernährungswende als unverzichtbaren Lösungsweg für die Klimakrise sichtbarer zu machen, ist ein entscheidender Schritt, um das darin liegende Potenzial nutzen zu können. Denn Verbraucher:innen bestimmen mit ihren Essgewohnheiten und Konsumentscheidungen über Nachfrage und Angebot, sie prägen Debatten, Märkte und Politik – und damit gesellschaftlichen und systemischen Wandel.

Pflanzliche Ernährung hat viele Facetten, über die es sich zu erzählen und berichten lohnt. Und jeder Beitrag kann helfen, zu gesünderen und nachhaltigen Ernährungsweisen zu motivieren und die Dringlichkeit für ein gesamtgesellschaftliches Zusammenwirken auf die Agenda von Politik, Wirtschaft – und unser aller Teller zu holen.

Für die Berichterstattung zu Ernährung und Klima stellen wir gern zur Verfügung:

  • Interviewpartner:innen und O-Töne
  • Weiterführende Daten und Studien
  • Infografiken zur freien Verwendung

Informationen zu weiteren Themen rund um pflanzliche Ernährung gibt es auf unserer Presseseite.

Ansprechpartnerin

Mirjam Schmitt
Senior Communications Managerin
Tel.: +49 175 990 59 45
E-Mail: [email protected]

Quellen

  1. Rockström, J. et al. (2025): The EAT-Lancet Commission on healthy, sustainable, and just food systems. The Lancet, 406, S. 1625–1700. DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01201-2.
  2. Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2025): EAT-Lancet-Report: Ernährungssysteme überschreiten planetare Grenzen – Transformation kann Gesundheit und Gerechtigkeit fördern. Pressemitteilung vom 03.10.2025 [zuletzt abgerufen am 26.08.2026].
  3. Xu, X. et al. (2021): Global greenhouse gas emissions from animal-based foods are twice those of plant-based foods. Nature Food, 2, S. 724–732. DOI: 10.1038/s43016-021-00358-x.
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  5. Poore, J. & Nemecek, T. (2018): Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science, 360, S. 987–992. DOI: 10.1126/science.aaq0216.
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  11. Ritchie, H. (2024): What are the trade-offs between animal welfare and the environmental impact of meat? Our World in Data [zuletzt abgerufen am 26.08.2026].
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