Die industrielle Fischerei und Aquakulturen

Wie wir die Luft zum Atmen brauchen, brauchen Fische das Wasser. Werden sie aus ihrem Element gerissen, ersticken sie. Victoria Braithwaite, Professorin für Fischerei und Biologie an der Penn State University und Autorin des Buches „Do Fish Feel Pain?“, sagt: „Wir würden es nicht akzeptieren, Hühner zu töten, indem wir sie in einen Tank mit Wasser werfen und darauf warten, dass sie ertrinken. Warum lehnen wir es also nicht ab, dass Fische auf den Decks von Fangschiffen ersticken?“[1] Das ist eine gute Frage.

Fish suffocating - this shows the cruelty of fish farming
Foto: AdobeStock

Fang von frei lebenden Fischen

Die Netze der industriellen Fangflotten können Zehntausende von Fischen auf einmal fangen. Die Tiere schwimmen dabei bis zur Erschöpfung, wenn sie verzweifelt versuchen zu entkommen. Ziehen die Trawler dann ihren Fang an Bord, werden die Fische unten im Netz vom Gewicht ihrer Artgenossen erdrückt. Auch der schnelle Wasserdruckwechsel verursacht großes Leid. Er kann sogar dazu führen, dass innere Organe der Fische platzen und herausquellen.

Bei solchen Massenfängen ist eine Betäubung der Fische nicht vorgeschrieben. Die Tiere, die den Fang mit dem Netz überleben, ersticken also qualvoll auf dem Schiffdeck. Größere Tiere wie Schwert- oder Thunfische werden mit Langleinen gefangen, an denen Haken befestigt sind. Nach einem oft langwierigen Überlebenskampf einmal an Bord gezogen, werden sie meist mit einem Stich ins Hirn getötet.

Trotz einer immer weiter wachsenden Anzahl von Studien, die belegen, dass auch Wasserlebewesen Schmerzen empfinden, gibt es keine einheitlichen Regelungen zur Tötung der Tiere auf hoher See.

Dead fish
Foto: Alex Prolmos, Creative Commons


Überfischung und Zerstörung von Lebensräumen

Die industrielle Fischerei richtet in unseren Ozeanen verheerenden Schaden an: Mehr als die Hälfte der Fischbestände in der Europäischen Union gelten als überfischt[2] – Kabeljau, Schollen und Seezungen sind seit 1993 um 32 Prozent zurückgegangen. Von den Tierbeständen, an denen sich die Fischerei in den letzten Jahrzehnten bedient hat, sind im Mittelmeer 82 Prozent, im Atlantik 63 Prozent und in der Ostsee 66 Prozent überfischt.[3] Die Populationen von Thunfisch, Kabeljau, Schwertfisch und Marlin sind im letzten Jahrhundert um 90 Prozent zurückgegangen und die Makrelenpopulation der Nordsee, die in den 1970er Jahren zusammenbrach, hat sich nie erholt.[4] Und dies sind nur ein paar Beispiele.

Nicht nur die Meeresbewohner selbst, auch ihre Lebensräume sind durch die industrielle Fischerei stark gefährdet: Grundschleppnetze graben den Meeresboden ohne Rücksicht auf Verluste um. Sie zerstören ganze Korallenwälder und andere sensible Ökosysteme, die einst zahlreichen Lebewesen als Heimat dienten. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Fischerei so noch katastrophalere Auswirkungen auf die am Meeresboden lebenden Tiere hat als die Förderung von Öl oder Gas auf dem Meer.[5] Eine neue Studie errechnete jüngst, wie die Schleppnetzfischerei so zudem die Klimakrise befeuert: Jährlich lösen demnach die Grundschleppnetze 1,5 Gigatonnen CO2 aus dem Sediment – das ist zweimal mehr, als ganz Deutschland im Jahr 2020 emittierte.[6]

Das Fazit: Die Schleppnetzfischerei verursacht weltweit mehr CO2 als die Luftfahrt.

Der hohe Fischkonsum von uns Menschen trägt also maßgeblich zur Zerstörung der Ozeane und unseres Planeten bei. Doch etwa einer von drei Fischen wird nicht für den menschlichen Konsum gefangen[7] – Fischmehl wird auch als Futter in der Massentierhaltung eingesetzt. Somit ist auch der Verzehr von Fleisch und anderen tierischen Produkten mit der Fischindustrie verknüpft.

Sogenannter „Beifang“

Die Netze der Fangflotten machen keine Unterschiede: Sie ziehen jede Art von Meerestier aus dem Wasser – egal, ob diese kommerziell wertvoll ist oder nicht. Die gefangenen Tiere, die für die Industrie nicht profitabel sind, fallen unter „Beifang“. Die konkrete Anzahl der gefangenen Tiere wird jedoch nicht erfasst – weder bei den profitablen Fischen noch beim Beifang. Es sind solche Mengen, dass die Industrie nur das Gewicht notiert. Das Gewicht der Meerestiere, die jedes Jahr als Beifang enden, wird auf mehr als 20 Millionen Tonnen geschätzt – damit machen sie fast ein Viertel aller Fänge aus, die auf den Fangschiffen landen.[8]

Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr 300.000 Wale, Delfine und Schweinswale in den Netzen.[9] Auch Haie, Meeresschildkröten, Wassertiere wie Seesterne und Schwämme, aber auch Seevögel wie Albatrosse fallen ihnen zum Opfer.[10] Doch all diese Tiere sind Teil des sensiblen Ökosystems Meer, das auf seine Vielfalt der Arten angewiesen ist. Und das intakt sein muss, um unseren Planeten weiterhin mit der Hälfte des Sauerstoffs zu versorgen, den wir hier an Land atmen.

Turtle swimming in ocean
Foto: Unsplash

Fischzucht

In sogenannten Aquakulturen werden Fische in großen Becken und Gehegen gezüchtet. Die Fischzucht ist jedoch nicht die Antwort auf die verheerenden Schäden, die die Meeresfischerei anrichten. Viele beliebte Zuchtfische wie Lachs, Forelle, Heilbutt oder Kabeljau sind Fleischfresser und werden meist mit Fischmehl gefüttert. Dies stammt wiederum von anderen Fischen aus Meeresfängen. Diese unglaublich ineffiziente Art, Fische für den menschlichen Konsum zu züchten, verschlimmert die Belastung der Ozeane nur weiter.

Zudem hat die Fischzucht häufig direkte Auswirkungen auf die Gesundheit von Wildfischen: Verunreinigtes Wasser aus den Aquakulturen kann mitsamt Krankheitserregern in die umliegenden Gewässer gelangen. Antibiotika-Resistenzen verbreiten sich über das Fischmehl aus den Aquakulturen nachweislich im umliegenden Meeresraum. Auch gezüchtete Fische können aus den Gehegen entkommen und so in die das empfindliche Ökosystem eindringen. Im schlimmsten Fall verbreiten sie dort Krankheiten und Parasiten wie Seeläuse unter ihren wilden Artgenossen verbreiten. Seeläuse verursachen Entzündungen, Blutungen und greifen die Organe der Fische an, bis diese von den Parasiten buchstäblich aufgefressen werden. Läuse, die ursprünglich von Zuchtlachsen stammten, breiten sich aktuell auf wilde Fischpopulationen in Teilen des Nordostatlantiks aus. Gleichzeitig erweisen sich Pestizide, die in den Aquakulturen zur Bekämpfung dieser Parasiten eingesetzt werden, als schädlich für frei lebende Fische.

Fish in a bag
Foto: Watershed Watch, Creative Commons

Tiere leiden in Aquakulturen

Die Fische in den Aquakulturen müssen zusammengepfercht in unnatürlich kleinen Gehegen leben, die schnell verschmutzen. Diese überfüllten Bedingungen führen dazu, dass etwa ein Drittel von ihnen stirbt, bevor sie überhaupt geschlachtet werden können. Eine Reihe von Chemikalien wird eingesetzt, um noch größere Verluste zu vermeiden. In dieser stressigen Umgebung verletzen sich die Fische häufig gegenseitig und beißen in die Flossen oder Augen ihrer Artgenossen. Ein erschreckendes Verhalten, das man auch bei anderen Tieren in der Massentierhaltung beobachten kann.

Philip Lymbery, Geschäftsführer von Compassion in World Farming, erklärt, dass ein Lachs, der bis zu einem dreiviertel Meter lang ist, in einer Aquakultur nur etwa so viel Wasser für sich beanspruchen kann, wie in eine herkömmliche Badewanne passt.  Dicht gedrängt durchschwimmen diese faszinierenden Tiere, die auf ihren Wanderungen normalerweise unglaubliche Strecken zurücklegen, ihr Gefängnis in unaufhörlichen Kreisen. Ähnlich wie ein Zootier, das in seinem Käfig auf- und abläuft.[11]

Teilweise werden die Tiere auch in voller Absicht verletzt: Garnelen zum Beispiel werden häufig ihre Augen entfernt. Die meisten in Gefangenschaft gezüchteten Tiere sind nicht in der Lage, sich fortzupflanzen – die Abtrennung ihrer Augenstiele löst jedoch die Reifung der Eierstöcke aus. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bezeichneten diese sogenannte Augenstielablation bereits als „grausam“ und „traumatisch“ – dennoch ist sie ein fester Bestandteil der Garnelenzucht. Und mehr als die Hälfte aller weltweit konsumierten Garnelen stammen aus der Zucht.

Fish in a net
Foto: Smalljude, Creative Commons


Transport

Der Transport von Fischen ist eine stressige Erfahrung für sie. Einige werden von ihnen werden bereits verletzt, wenn Netze oder Pumpen die Tiere aus den Gehegen holen. Die Fische leiden unter dem plötzlich sinkenden Wasserdruck und den Temperaturschwankungen.

Zudem ist es eine gängige Praxis, Fische vor dem Transport 48 Stunden lang auszuhungern. Das verlangsamt ihren Stoffwechsel und soll verhindern, dass ihre Fäkalien das Wasser der Transportboxen verunreinigen. Einige Fische können während des Transports sogar außerhalb des Wassers gehalten werden.

Schlachtung

Deutschland ist eines der wenigen EU-Länder, in der eine Betäubung der Fische vor der Tötung vorgeschrieben ist – wenn es sich nicht um Massenfänge auf See handelt. Dies kann durch einen Elektroschock, einen Schlag auf den Kopf oder durch Betäubungsmittel geschehen, die hierzu ins Wasser fließen.

Wie bei Säugetieren und Vögeln kann es jedoch auch bei Fischen zu Betäubungsfehlern kommen, die den Tieren mehr Leid zufügen als sie ersparen. Viele Tiere ersticken oder verbluten, ohne dabei richtig betäubt zu sein.

A dead fish on a bloodied floor
Foto: Animal Equality UK


FiSChe sind viel klüger als gedacht

Fische können Werkzeuge benutzen, kommunizieren untereinander und lernen sehr schnell.[12] Sie haben auch kein schlechtes Gedächtnis, wie häufig angenommen: Forschungen haben ergeben, dass einige Fischarten über präzise Erinnerungen verfügen, die sie über lange Zeiträume hinweg behalten. Im Falle von wandernden Lachsen sogar über Jahre.[13]

Der Fischforscher Culum Brown untersuchte fast 200 Arbeiten über die Sinneswahrnehmung von Fischen, ihre natürlichen kognitiven Fähigkeiten (einschließlich ihrer Fähigkeit, Mengen einzuschätzen) und ihre Fähigkeit, Schmerzen wahrzunehmen und zu empfinden. Er fand reichlich Beweise dafür, dass Fische in all diesen Bereichen intelligent sind. Deswegen appelliert er dafür, dass wir Menschen uns bewusst machen, wie klug Fische wirklich sind: Denn nur, weil wir selbst unwissend sind, ist das keine Entschuldigung dafür, einem Tier all diese Fähigkeiten abzusprechen und es so schlecht zu behandeln, wie wir es momentan tun.[14]

Neueste Forschungen legen außerdem nahe, dass Fische eigene Persönlichkeiten haben. Eigentlich sollte es uns nicht überraschen, dass Hunde, Katzen, wir selbst und eben auch die Fische in den Ozeanen Individuen mit ganz unterschiedlichen Eigenheiten sind. Den Fischen ist ihr Leben genauso wichtig wie uns das unsere.

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Millionen Tonnen von Fischen werden für die Ernährung von landwirtschaftlich gehaltenen Tieren verwendet. Darunter massenhaft kleinere Fische wie beispielsweise Peruanische Sardellen[15], von denen nur zwei Prozent tatsächlich von Menschen gegessen werden – obwohl 13 Prozent der Kinder in Peru durch Mangelernährung gefährdet sind.[16] Die restlichen 98 Prozent der Sardellen enden als Fischmehl und -öl und anschließend als Futter für Tiere in der Landwirtschaft – darunter wiederum Fische in Aquakulturen.[17]

Quellen

[1] Victoria Braithwaite, Do fish feel pain?, Oxford: OUP, 2010

[2] Griffin Carpenter, Landing the Blame: Overfishing in the Northeast Atlantic 2020; N. Keijzer, Fishing in troubled waters?, European Centre for Development Policy Management, 2011

[3] Birdlife International et. al., Public Aid for Sustainable Fisheries, February 2012

[4] Greenpeace, Rescuing the North and Baltic Seas: Marine Reserves – a key tool, 2004

[5] Charles Clover, The End of the Line: How overfishing is changing the world and what we eat, Edbury Press, London, 2004

[6] Enric Sala et. al., Protecting the global ocean for biodiversity, food and climate

[7] Albert Tacon, Competition between catch of forage fish for fishmeal and human consumption, Lenfest Ocean Programme, Juni 2014

[8] United Nations, General facts regarding world fisheries, Mai 2010

[9] CD Soulsbury, The Animal Welfare Implications of Cetacean Deaths in Fisheries, Whale and Dolphin Conservation Society, 2008.

[10] Daniel Cressey, Terrible toll of fishing nets on seabirds revealed, Nature, Mai 2013

[11] Philip Lymbery, In too deep: the welfare of intensively farmed fish, 2002

[12] Emily Gertz, Are fish as intelligent as crows, chimps … or people?, Popular Science, Juni 2014

[13] Braithwaite, 2010

[14] Gertz, 2014

[15] Globec International Newsletter, Impacts of the Peruvian anchoveta supply chains: from wild fish in the water to protein on the plate, April 2010

[16] http://www1.wfp.org/countries/peru (aufgerufen: Juni 2021) 

[17] Allison Guy, Overfishing and El Niño push the world’s biggest single-species fishery to a critical point, Oceana, Februar 2016

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